Generationendialog

Von Lars Becker.

Die sogenannte Überalterung der Bevölkerung ist eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Gleichzeitig verändern sich aufgrund der hohen beruflichen Mobilität althergebrachte traditionelle und verlässliche Familienstrukturen. Viele Senioren leben ohne Familienanhang in Stuttgart, gleichzeitig leben bei uns viele junge Familien ohne die eigene Großelterngeneration. Damit fehlt Seniorinnen und Senioren oft die Unterstützung im Alltag und in der Pflege und ein wichtiger sozialer Anschluss. Vielen Familien fehlt umgekehrt grundlegende Hilfe bei der Kinderbetreuung. Oft wachsen Kinder bei uns mit nur spärlichem Kontakt zur Großelterngeneration auf. Dies bringt viele Herausforderungen mit sich, insbesondere was das zukünftige Miteinander betrifft. Zum Beispiel leidet die Toleranz für die Belange der jeweils anderen Generationen. Es fehlt an familiärer Bindung und Begegnungsmöglichkeiten.

Haltung

Intergenerative Projekte und Konzepte in Bildung, Kunst und Kultur gehören gefördert und mehr in die Öffentlichkeit gestellt. Es geht um die Ermöglichung von Begegnungsorten für die Generationen untereinander und Anlässen über das heute etablierte Maß hinaus. Ich halte eine lebhaftere, generationenübergreifende Diskussion über die Welt von Morgen für erstrebenswert. Es gibt schon vielfältige lobenswerte Ansätze, doch die Situation ist noch zu verbessern. Wir haben verlernt uns wertzuschätzen, wenn zum Beispiel die ältere Nachbarin sich etwas mehr Ruhe wünscht und die junge Familie mehr Toleranz für die spielenden, lärmenden Kinder. Jede Generation hat etwas beizutragen, von dem die anderen Generationen profitieren können. Das Wort Familie muss meiner Ansicht nach neu gedacht und gelebt werden. Wir schauen auf die Potentiale unserer Stadt und üben als Gesellschaft wieder den Dialog. Anonyme, individualistische Lebenswünsche erfordern bis zu einem gewissen Grad auch den Einsatz aller Bürgerinnen und Bürger für das Gemeinwohl und ein gutes Maß an Toleranz in einem engen Lebensraum wie Stuttgart. Es geht um das Ziel, dem Generationendialog auf Augenhöhe die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die er verdient.

Fazit

Wir brauchen mehr Ressourcen und politische Aufmerksamkeit für generationenübergreifende Stadtteilprojekte und einen steten Austausch von Institutionen wie Jugend- und Seniorenrat. Ich wünsche mir, dass Stuttgarter Großprojekte künftig verstärkt intergenerativ diskutiert und umgesetzt werden. Neue, generationenübergreifende Wohn- und Lebenssituationen sollen befördert und ausprobiert werden. Bewährte Konzepte wie Mehrgenerationenhäuser müssen unterstützt werden, um – zum Wohle aller Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger – das Miteinander zu befördern. Dazu nutzen wir auch unser großes interkulturelles Potential und schauen uns genau an, wie Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund zusammenleben, um – wenn möglich – daraus zu lernen. Es braucht einen gemeinsamen Dialog aller gesellschaftlichen Akteure aus Wirtschaft, Sozialbereich, Verwaltung und gemeinnützigen Sektor und natürlich der betroffenen Menschen selbst. Alle dürfen mitreden, müssen aber auch zuhören und zugleich Verantwortung übernehmen. Eine Orientierung am erfolgreichen Konzept des „Bündnis für Integration“ erachte ich als wünschenswert.

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Lars Becker ist leidenschaftlicher Stuttgarter, Mitbegründer der Initiative DiverCities Stuttgart, Vorsitzender des Stuttgart Connection e.V. und Regionalmanager-Süd von Teach First Deutschland. Der studierte Betriebswirt mit Unternehmens- und Auslandserfahrung war u.a. auch als Programmdirektor für Common Purpose Deutschland tätig.
lars.becker@diverscities.org

Gastautor

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Die Stadtisten verstehen sich als Plattform für gute Ideen und neue Gedanken – von der großen Vision über neue Sichtweisen bis zum konkreten Vorschlag. Die Autorenbeiträge, die wir veröffentlichen, sind ein Teil dieser Plattform. Sie geben die persönliche Meinung ihrer Autorinnen und Autoren wieder – die wir jedoch so inspirierend finden, dass wir sie hier allen zugänglich machen.

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