Der Umgang mit Nahrungsmitteln in Stuttgart

Von Wolfram Bernhardt und Marion Mueller.

Einer Studie aus dem Jahr 2012 des Instituts für Siedlungsbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft der Universität Stuttgart zufolge werden in Deutschland jährlich 11 Mio. Tonnen an Lebensmitteln weggeworfen. Davon entfallen 60% auf die privaten Haushalte. So schmeißt jeder Deutsche jährlich 82kg im Jahr in die grüne Tonne. Gemäß den Autoren der Studie können 53 kg davon vermieden werden.

Dieser Wandel im Umgang mit Nahrungsmitteln wird umso dringlicher, da die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 neun Milliarden erreichen wird. Überproportional zum Bevölkerungswachstum wird auch der Fleischkonsum steigen.[1]

Gleichzeitig hat in den letzten Jahren, die Zahl der übergewichtigen Personen erstmals die Zahl der unterernährten Personen überschritten. Sprich, es gibt theoretisch genug Essen auf der Welt, so dass bereits jetzt alle Menschen satt werden könnten. Dies führt in aller Deutlichkeit vor Augen, dass wir erstens ein Verteilungsproblem und zweitens ein Problem mit dem Umgang von Nahrungsmitteln haben.

Dabei bewegt sich die Ernährungsdebatte vor dem Hintergrund zunehmender Spekulationsgeschäfte auf Nahrungsmittel und der Gewinnung von Energie aus Nahrungsmitteln – wie Getreide. Beides führt zu steigenden Lebensmittelpreisen und trifft somit zuerst die Ärmeren. Somit gilt – mal wieder: Think global, act local.

Beispiele, die auch schon anderswo erfolgreich umgesetzt werden, gibt es zuhauf. Viele können sofort auch für Stuttgart übernommen werden.

Kurzfristig

  • Foodsharing: Auf der Homepage www.foodsharing.de kann man nachschauen, ob jemand Lebensmittel abzugeben hat – weil bspw. jemand in den Urlaub fährt und noch ein paar Äpfel hat, die er vor der Abfahrt nicht mehr verspeisen kann – oder man kann selbst angeben, dass man Lebensmittel zu verschenken hat – weil bspw. von der Party Essen über geblieben ist.
  • Grüne Kisten: Regionale Bauern sowie Verbraucherinitiativen liefern saisonale Produkte direkt nach Hause. Wer die Kiste nicht alleine schafft, kann sie sich auch mit dem Nachbarn teilen. Beispiele hierfür:
    http://www.plattsalat.de/
    http://www.gemuesehofhoerz.de/
    http://www.laiseacker.de/
  • Tafeln: Supermärkte und Restaurants können Essen an die Tafeln abgeben
    http://www.schwaebische-tafel-stuttgart.de/
  • Bäcker: Bäcker können nicht verkauftes Brot zu Semmelbröseln verarbeiten und diese entweder als solche verkaufen oder erneut zu Brot verarbeiten. Man könnte vermehrt Brot vom Vortag verkaufen, es an Tiere verfüttern oder Schnaps daraus brennen http://www.biohofbaeckerei.de/index.php?id=3

Mittelfristig

  • Aufklärungskampagnen: Die Stadt könnte die Bevölkerung in Kooperation mit regionalen Medien oder Einrichtungen über die Problematik und Lösungen informieren. (Kauft weniger!)
  • Urban Gardening: Durch Bereitstellung von Flächen kann die Stadt Interesse am eigenen Gemüseanbau wecken und somit das Bewusstsein für Lebensmittel stärken.

Langfristig

  • Kompostierung: Die Stadt kann Bioabfälle zentral kompostieren und den Einwohnern als Dünger zur Verfügung stellen.
  • Biogas: Durch Vergärung der Bioabfälle kann die Stadt Storm, Gas und Wärme gewinnen und somit einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten.

 [1] 65% der globalen Maisproduktion wird zur Herstellung von Fleisch verwendet; 1kg Geflügel braucht 3 kg Getreide, 1 kg Rindfleisch 8 kg Getreide – unter Getreide wird Mais, Soja und Weizen verstanden; Eine Portion Rindfleisch benötigt das 16-fache an Benzin, wie eine Portion Gemüse mit den gleichen Kalorien.

 

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Marion Mueller

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Wolfram Bernhardt ist Mitgründer des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42. Sein Einsatz für den gesellschaftlichen Wandel ergab sich von allein, als er über folgenden Satz des bekanntesten Stuttgarter Philosophen, Georg W. F. Hegel, stolperte: „Ist erst das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus.“

Titelfoto: Thorsten Puttenat

Gastautor

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