Stuttgart – Kulturvielfalt neu denken und verstehen

Von Markus Irmer und Thorsten Puttenat.

Für das Thema Kulturvielfalt soll nicht nur im Rathaus sensibilisiert werden, sondern auch im Stadtgespräch. Wir wollen wieder mehr alternative Szene in Stuttgart. Beleben wir die kulturelle Erneuerung dort, wo sie entsteht: in der individuellen, der subversiven Kreativität.

Kulturschaffende brauchen die Rückendeckung von Politik und Verwaltung. Es geht nicht um Geld. Es geht um die Ermöglichung von Raum und Zeit. Ohne übertriebene Gängelung seitens der Behörden. Eine Stadt, die im internationalen Wettbewerb erfolgreich sein will, muss der künstlerischen Szene eine freie und offene Atmosphäre gewährleisten. Es geht um das Vertrauen in die Kreativen und darum, sie machen zu lassen. Die Politik sollte dieses Vertrauen geben. Alternativere Kultur in Stuttgart darf nicht immer weiter in die Außenbereiche der Stadt gedrängt werden. Sie gehört auch in das pulsierende Leben der Innenstadt. Stuttgart schmückt sich gerne mit der sogenannten Hochkultur und unterstützt diese Dominanz mehr und mehr. Die Kultur des Mainstreams. Kreatives und Innovatives entsteht jedoch abseits gewohnter Pfade. Der Mainstream ist lediglich das Endprodukt dieser Kreativität und Innovation. Der kulturelle Individualismus weicht dieser Konformität.

Stuttgarts Kultur benötigt allerdings auch eine instabile, sich bewegende, ständig ändernde und sich neu erfindende, gesellschaftliche Kreativkraft. Innerhalb dieses Lebensmodells verschwinden zunehmend die sogenannten Off-Spaces zur alternativen Zwischennutzung sowie der Schaffung ungewöhnlicher Kunstkonzepte.

Das Stuttgarter Rathaus braucht ein erneuertes Bewusstsein für urbane Kulturvielfalt. Eines, das über das politische Denken „Wir unterstützen die Wagenhalle“ hinausgeht. Die Kunst- und Kulturschaffenden unserer Stadt brauchen einen Freiraum. Subkultur ist nichts für alle, aber doch für viele. Stadt und Kultur bedeuten Vielfalt. Alternative Kultur und Hochkultur schließen sich nicht aus, sie bedingen sich gegenseitig. Nachwuchskünstler und Musiker kehren Stuttgart den Rücken und gehen der Schwabenmetropole verloren. Stuttgart ist subkulturell so unattraktiv wie nie zuvor. Hier geht unserer Stadt etwas Grundlegendes verloren.

Stuttgart gewinnt am Konsum der Mainstream-Kultur. Auf der anderen Seite: Der Verlust individueller und innovativer Kreativität. Das Schwinden der Stuttgarter Alternativkultur ist das kulturelle Fundament und Nährboden jedes Mainstreams. Sich diesen Szenen anzunehmen und sie zu fördern sollte ein grundlegendes Bedürfnis unserer Stadt sein. Sie prägt und formt unsere Gesellschaft. Sie spiegelt unser gesamtes Zusammenleben wider. Die Subkultur ist das Patent eines abwechslungsreichen, breit gefächerten kulturellen Lebens. Eine Bereicherung in einer multikulturellen Gesellschaft, die primäre Werte und Normen unserer Mehrheitskultur infrage stellt. Sie formt unsere Gesellschaft und unterstützt ihre Visionen. Die Vielfalt spielt eine entscheidende Rolle. In Medien, Kunst, Musik, Nachtleben, Bildung und Politik.

Ohne diesen kulturellen Nonkonformismus entsteht Gleichheit, gedeiht die Indifferenz. Desinteresse, Gleichgültigkeit, Gefühllosigkeit und Stumpfheit können Folgen daraus sein.

Stuttgart legt wert auf die sogenannte Kreativwirtschaft. Alternative Kultur ist oft nicht wirtschaftlich, und dennoch sehr wichtig. Aus ihr erwachsen Potenziale, die unserer Stadtgesellschaft gut tun. Sie erweitert das Spektrum des kulturellen Angebots. Eine blühende Kulturvielfalt leistet einen Beitrag zu jener Urbanität, die Stuttgart im Vergleich mit anderen Großstädten vermissen lässt.

 

13-12-22 Markus Irmener - Duncan Smith

Markus Irmer, geboren 1966 in Bad-Cannstatt. Er war in Aktionsplanung und Öffentlichkeitsarbeit tätig, choreografierte zahlreiche Shows, organisierte und veranstaltete große Events sowie viele Vernissagen in Stuttgart. Er legt seit 24 Jahren als DJ „S-IT“ auf, war Mitbegründer des Pocket-Magazins Partysan Baden-Württemberg und gründete 2004 seine eigene Grafikagentur.

13-12-22 Thorsten Puttenat - Duncan Smith

Thorsten „Putte“ Puttenat wurde 1974 geboren. Er lebt seit 17 Jahren in Stuttgart und arbeitet als selbstständiger Musiker und Filmkomponist. In den letzten Jahren war er innerhalb verschiedener Initiativen dieser Stadt tätig. Darunter fluegel.tv, unsere-stadt.org und Occupy Villa Berg. Er ist Mitinitiator der Stadtisten.

 

Titelfoto: Thorsten Puttenat

Gastautor

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Die Stadtisten verstehen sich als Plattform für gute Ideen und neue Gedanken – von der großen Vision über neue Sichtweisen bis zum konkreten Vorschlag. Die Autorenbeiträge, die wir veröffentlichen, sind ein Teil dieser Plattform. Sie geben die persönliche Meinung ihrer Autorinnen und Autoren wieder – die wir jedoch so inspirierend finden, dass wir sie hier allen zugänglich machen.

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