Prüfung einer Mischnutzung im Breitling-Gebäude

Der Herrenausstatter Breitling am Marktplatz hatte Ende letzten Jahres geschlossen und sucht einen neuen Mieter. Die Stuttgart Marketing GmbH hat ein Konzept für die Nachnutzung als “Haus des Tourismus” erstellt. Ein Antrag der Verwaltung soll dazu führen, dass der Umbau der Immobilie für geschätzt 9,5 Millionen Euro von der Stadt finanziert wird. Wir haben beantragt, dass alternative Nutzungen an diesem prominenten Platz in Stuttgart geprüft werden sollen. Jetzt hat der Forum der Kulturen Stuttgart e. V. Vorschläge ins Spiel gebracht, die mitunter eine Mischnutzung als “interkulturelles Haus für Tourismus” beinhalten. Unser Antrag wurde bislang von der Stadtverwaltung nicht bearbeitet, es soll aber trotzdem das Haus des Tourismus alternativlos zur Abstimmung gestellt werden. Wir setzen uns dafür ein, dass der Gemeinderat über die nun eingebrachte Alternative einer zukünftigen Nutzung dieser Immobilie beraten kann. 

Anfang Juni letzten Jahres verkündete der Stuttgarter Herrenausstatter Breitling, dass er sein Haus am Marktplatz Ende des Jahres schließen werde. Der Wandel im Einkaufsverhalten hat das Modegeschäft mit 71-jähriger Tradition in eine Schräglage gebracht, der erste Lockdown ihm dann den Rest gegeben [1].

Breitling-Geschäftsführerin Mirella Breitling hat einen Verkauf der Immobilie an prominenter Stelle ausgeschlossen. Detlef Kron, Chef des Amtes für Stadtplanung und Wohnen, konnte sich damals gut vorstellen, dass es einer kulturellen Nutzung zugeführt werden könne. Letztendlich läge die Entscheidung dazu jedoch in den Händen der Immobilienbesitzer [2].

Anfang Dezember stellte Armin Dellnitz, Geschäftsführer der Stuttgart Marketing GmbH [3], dem Stuttgarter Gemeinderat ein Konzept für die Nachnutzung des Hauses vor [4]: Ein “Haus des Tourismus” sollte zentrale Anlaufstelle für Touristen werden und Platz für Büros für die rund 55 Mitarbeiter der 100%igen Tochtergesellschaft der Landeshauptstadt bieten.  Zudem sollen die Büros der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg Platz im Haus finden. Eine Vinothek im Erdgeschoss, Ausstellungsflächen für das Porsche- und das Mercedes-Benz Museum, das Museum Ritter sowie ein Ticketverkauf für das Staatstheater waren angedacht.  Auch der i-Punkt, die von Stuttgart Marketing betriebene Touristeninformationsstelle, solle vom Hauptbahnhof an den Marktplatz ziehen. Da der alte Standort soll Ende 2022 abgerissen werden solle. Dellnitz stand mit der Familie Breitling in konstruktiven Gesprächen, einen Beschluss des Gemeinderats dazu sei jedoch die Voraussetzung [5]. Kein Wunder, denn Grundsanierung und Umbau des Gebäudes würde die Stadt 9,5 Millionen Euro kosten. Das Vorhaben stieß auf breite Zustimmung des Gemeinderats [6].

Auch wir finden das Konzept eines Hauses des Tourismus in Ordnung, doch hatten wir Vorbehalte. Wenn die Stadt so viel Geld in die Hand nimmt, um etwas an einer prominenten Stelle wie dem Stuttgarter Marktplatz zu machen, sollte man unserer Auffassung nach nicht das erstbeste Konzept nehmen, sondern auch Alternativen ausloten. [7] Wie wir wussten, gibt es auch andere Institutionen, die Bedarf an einer solchen Immobilie haben. Darum sprachen wir die anderen Fraktionen darauf an, dass wir ein Haus des Tourismus nicht als alternativlos betrachten wollen und plädierten dafür, die Entscheidung für die Nachnutzung auch für andere Konzepte zu öffnen [8].

Uns war bekannt, dass der Forum der Kulturen e.V., Dachverband der Migrantenkulturvereine, Interkulturbüro [9], einen großen Bedarf an einem “Haus der Kulturen” sieht [10]. Dies solle im zukünftigen Rosenstein-Quartier jenseits des Bahnhofs gebaut werden. Doch wird dies voraussichtlich frühestens in den 30er-Jahren möglich sein. Eine kleinere, aber zeitnahe Lösung im Breitling-Haus im Sinne eines Werkstatt- bzw. Laborcharakters wäre für ihr Vorhaben sehr attraktiv.

Am 29. Januar stand die Beratung und eine Entscheidung zum alternativlosen Plan eines Hauses des Tourismus auf der Tagesordnung des Wirtschaftsausschusses [4]. Bezirksvorsteherin von Stuttgart Mitte, Veronika Kienzle, mahnte an, dass eine solche Entscheidung nicht über die Köpfe des Bezirksbeirat weg, gefällt werden könne [11].

Daraufhin stellten wir am 26. Januar einen Antrag zur Prüfung von Alternativen [12], um einen demokratischen Prozess im Sinne der Stadtgesellschaft zu ermöglichen. Das führte mitunter dazu, dass eine Entscheidung dazu im Wirtschaftsausschuss vertagt wurde. Die von uns dort beantragte Standortuntersuchung für ein Haus der Kulturen im Breitling-Gebäude wurde jedoch bis heute nicht eingeleitet.

Trotzdem hat der Forum der Kulturen Stuttgart e. V. eine Stellungnahme zum geplanten Haus der Kulturen und einer eventuellen Nutzung des Breitling-Hauses eingebracht.  Als alleinige Mieterin oder in Form einer Mischnutzung gemeinsam mit einem Haus des Tourismus, ein “Interkulturelles Haus für Tourismus”. [13]

Daraufhin stellte Die FrAKTION im Bezirksbeirat Mitte einen Antrag, dass 30% des Gebäudes einer gesellschaftlichen Nutzung zugeführt werden sollen. Der Antrag wurde mehrheitlich beschlossen. Wie alle Beschlüsse von Bezirksbeiräten sind diese jedoch nicht bindend, da diese Räte nur beratende Funktion haben.

Trotz unseres Antrages steht derzeit immer noch die Beschlussvorlage zur Umsetzung des Hauses des Tourismus auf der Tagesordnung des Wirtschaftsausschusses am 12. Februar. Wie in allen Ausschüssen sind die dort gefassten Beschlüsse nur ein Stimmungsbild der Fraktionen, das aber meistens in der folgenden Vollversammlung des Gemeinderats übernommen wird. [4]

Die FrAKTION plant unseres Wissens nach noch vor der Ausschusssitzung einen Antrag für die alleinige Nutzung als Haus der Kulturen einzureichen. Wir werden bis dahin einen Antrag zur Mischnutzung einreichen. Wir haben am 10. Februar die Prüfung einer Mischnutzung beantragt. [14]

Aufgrund des prominenten Standortes und der zentralen Bedeutung des Stuttgarter Markplatzes, halten wir es für dringend notwendig, eine Lösung im Sinne des größten Nutzen für die Stadtgesellschaft finden zu können, auch wenn dies Zeit beansprucht. Wir sind uns bewusst, dass das letzte Wort dazu bei der Vermieterin liegt.

[1] “Herrenausstatter Breitling am Marktplatz schließt”, 5.6.2020, Stuttgarter Zeitung

[2] „Nichts ist alternativlos”, 25.1.2021, Stuttgarter Nachrichten

[3] Stuttgart Marketing GmbH

[4] Beschlussvorlage “Investitionszuschuss an die Stuttgart-Marketing GmbH zur Umsetzung des Hauses des Tourismus im ehemaligen Modehaus Breitling am Stuttgarter Marktplatz”, 21.1.2021

[5] „Haus des Tourismus“ im Breitling-Gebäude?”, 19.12.2021, Stuttgarter Zeitung

[6] “Teurer Tourismus-Tempel am Marktplatz”, 29.1.2021, Stuttgarter Zeitung

[7] “Kommt ins leer stehende Breitling-Haus wirklich ein Tourismuszentrum?”, 20.1.2021, Stuttgarter Nachrichten

[8] Amtsblattbeitrag PULS: “Mehr Ideen für den Marktplatz”, 21.012021,

[9] Forum der Kulturen

[10] “Ein Haus der Kulturen für Stuttgart

[11] “Stadt macht Tempo beim Tourismuscenter”, 25.1.2021, Stuttgarter Nachrichten

[12] PULS-Antrag 25/2021: “Prüfung von Alternativen: Standort Breitling-Gebäude am Marktplatz

[13] “Stellungnahme des Forums der Kulturen Stuttgart e. V. zum geplanten Haus der Kulturen und einer eventuellen Nutzung des Breitling-Hauses”, 4.2.2021

[14] PULS- Antrag “Prüfung einer Mischnutzung im Breitling-Gebäude”, 10.2.2021

Die Stadtisten

Die Stadtisten sind eine kommunalpolitische Wählervereinigung in Stuttgart und Aktionsplattform für Initiativen. Politik, wie wir sie verstehen, bedeutet: gemeinsam Lösungen zu finden, für die Fragen und Probleme, die die Stadt und das Gemeinwesen betreffen. Dabei benutzen wir Herz, Hand und Hirn, sind ebenso rational wie einfühlsam. Politik braucht Mitgefühl, soziale Wärme und Solidarität. Das, was unsere Herzen bewegt, werden wir aus dem Stadtgespräch in die Politik hineintragen.

More Posts